Was für eine wunderbare neue Welt – die KI ist da!
Was für eine wunderbare neue Welt – die KI ist da!
Theo D. Holtzhausen
Bevor wir die neueste große Errungenschaft der Menschheit feiern, hier einige Aktualisierungen zu häufig verwendeten Definitionen:
- Intelligenz: Es gibt viele und vielfältige Theorien zur Intelligenz, doch bislang hat sich keine Definition als absolut treffend erwiesen. Zudem sieht es mittlerweile so aus, als ließe sich kein einzelnes „Intelligenzgen“ isolieren. Angesichts dessen – und nach eigener Internetrecherche – komme ich zu einer Schlussfolgerung, der die meisten Forscher zustimmen: „Intelligenz umfasst die Fähigkeit, zu lernen und sich an verändernde Umgebungen anzupassen.“
- Künstliche Intelligenz (KI): Die Schwierigkeiten bei der Definition von KI liegen nicht etwa an Unzulänglichkeiten oder Nachlässigkeit der Forscher, sondern resultieren vielmehr daraus, dass man nicht genau bestimmen kann, was Intelligenz eigentlich ist. Vor diesem uneindeutigen Hintergrund lautet die Experten-Definition (wir hoffen, niemand hat hierfür auf KI zurückgegriffen): KI sind „mechanisierte Systeme, die intelligentes Verhalten zeigen, indem sie ihre Umgebung analysieren und – mit einem gewissen Grad an Autonomie – unter wechselnden, unvorhersehbaren Bedingungen sowie ohne wesentliche menschliche Aufsicht handeln; sie lernen aus Erfahrungen und verbessern ihre Leistung.“
- Evolution: In jüngster Zeit wird sie als „Informationsaustausch“ interpretiert – als die Fähigkeit eines Organismus (oder einer Gruppe), Vorhersagen über die Welt zu treffen, die unter Rückgriff auf die Vergangenheit in die Zukunft reichen. Molekulare Materie, DNA und Gene erfassen Informationen über ihre Umgebung im Verhältnis zur funktionalen Komplexität; dies dient als zentrale Währung für die Fitness und Überlebensfähigkeit des Organismus. Neben dem ständigen Austausch brauchbarer Informationen (oder Ideen) nimmt die Komplexität (und damit die Komplexität der Ideen) zu, während gleichzeitig eine Anpassung an veränderte Umgebungen erfolgt. Diese Information ist (zumindest hier auf der Erde) in einer flexiblen DNA-Helix verpackt. Zudem stehen im Epigenom genetische Erinnerungen (frühere Ideen) zur Verfügung, auf die zurückgegriffen werden kann.
- Epigenom: Kurz gesagt ist es der „dynamische Dirigent des eher passiven Teils der zellulären DNA“. Mit seinem eigenen, fein abgestimmten transgenerationalen Gedächtnisspeicher früherer Informationen über angepasste oder anpassungsfähige Ideen (in der genetischen Materie) kann es die interzellulären Kommunikationssysteme steuern; zudem macht es jede Zelle und jeden Organismus einzigartig.
- Leben: Die aktuelle wissenschaftliche Literatur betrachtet Leben als „einen kontinuierlichen thermochemischen dynamischen Prozess – und nicht als einen festen, statischen Zustand –, wobei der Schwerpunkt auf dem Energiefluss und der Interaktion mit der Umwelt liegt.“ Abseits dieser neuartigen Definitionen – und mit einem Wartezimmer voller „thermodynamischer Prozesse“ in Gestalt unruhiger Patienten und ungeduldiger Besitzer – herrschte in unserer Klinik Hochbetrieb, als ich, einen Moment lang orientierungslos, vor der Klinikapotheke stand und versuchte, ein Rezept zu bearbeiten. Endlich die nötigen Medikamente in der Hand und gerade bei der Überprüfung der Dosierung, stellte mir eine jüngere Kollegin, die geduldig hinter mir wartete, eine ziemlich ungelegene Frage: Wie hat sich die Medizin in den Jahren seit Ihrem Abschluss verändert?
Da mir leider die Zeit fehlte, nachzufragen, ob sie die Medizin als Fachgebiet oder speziell die Arzneimittel meinte, gab ich ihr ein eher vages „nicht viel“ zur Antwort, während ich eilig weiterlief.
Lassen Sie mich diese Antwort – „nicht viel“ – präzisieren: Sie bezog sich seinerzeit auf die Arzneimittel. Hätte sie sich jedoch auf unser Wissen und Verständnis von Medizin und Krankheiten bezogen, wäre die Antwort „eine ganze Menge!“ gewesen.
In den letzten 30 Jahren habe ich erlebt, wie viele wissenschaftlich gut untermauerte Medikamente in unser klinisches Repertoire aufgenommen und später wieder daraus verdrängt wurden – meist aufgrund schwacher, mäßiger oder unzureichender Evidenz.
Zur Verteidigung sei jedoch gesagt, dass es auch unschätzbar wertvolle neue Therapeutika gibt; einige davon stechen besonders hervor:
1) Vor allem dank wachsenden Wissens und Verständnisses gab es willkommene Verbesserungen in der Schmerztherapie und Anästhesie – ein herzliches Dankeschön dafür!
2) Januskinase-Inhibitoren: Sie ersparen uns die unangenehme Notwendigkeit wiederholter Kortikosteroid-Verordnungen und reduzieren die Zahl iatrogen bedingter Cushing-Fälle, die den Kliniker sonst überfordern würden.
3) Therapien mit monoklonalen Antikörpern – noch in den Kinderschuhen, aber sehr willkommen.
4) Einige neuartige Immunsuppressiva – meist bereits bekannte Wirkstoffe, deren Einsatz nun durch neue Erkenntnisse untermauert wird.
Da Onkologie und Stammzelltherapie nicht in meinen Fachbereich fallen, kann ich mich zu neueren Behandlungsansätzen auf diesen Gebieten nicht äußern.
Was die Fortschritte in unserem Verständnis von Gesundheit und Krankheit sowie die Auswirkungen – meist bereits bekannter – Medikamente betrifft, so hat das Wissen explosionsartig zugenommen; ein „Internet der Daten“ ist heute die einzige Bibliothek, die den Informationsbedarf einer modernen Klinik decken kann. Dies ist zugleich einer der beiden Bereiche, in denen wir Defizite aufweisen.
Angesichts der Tatsache, dass wir unweigerlich an der Schwelle zum Zeitalter der Pharmakogenomik und der genetischen Medizin stehen – und wenn wir uns noch einmal kurz auf die eingangs erwähnten Definitionen von Intelligenz, Leben, Evolution und KI besinnen –, beschleicht uns unweigerlich ein Gefühl der Besorgnis oder gar der Verunsicherung.
Ich habe versucht, diese Besorgnis – bei manchen von uns vielleicht sogar Skepsis – zu analysieren: Ist sie berechtigt, und wenn ja, warum? Persönlich fühle ich mich zu Zuständen niedriger Entropie hingezogen. Ich bevorzuge saubere, aufgeräumte Beratungs- und Untersuchungszimmer und wenig Unordnung.


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